Die christliche Soziallehre kritisch betrachtet

Von Josef Gundacker

In allgemeinen öffentlichen Diskussionen wird sehr leichtfertig über die Werte unserer demokratisch, pluralistischen Gesellschaft gesprochen, wobei die Gefahren für die Demokratie, je nach ideologischer Position, in der Gender Ideologie, der Islamisierung oder im Rechtspopulismus gesehen werden. Die europäischen Werte und ihr christliches Erbe werden allerdings nicht durch die billige hedonistische Popkultur oder die Islamisierung als solche bedroht, sondern vielmehr durch die Tatsache, dass die Primärbindung zum Ursprung, zu Gott, als nicht mehr wichtig erachtet wird. Die menschlichen Frage nach dem Sinn und nach Gott wird wenig Beachtung geschenkt.

Ich habe mich gefragt, wieso die christliche Soziallehre, die einen ausdrücklichen Bezug zur Gottesebenbildlichkeit herrstellt, in der Gesellschaft so wenig Beachtung findet? Beim genauen Durchlesen bin ich dann auf überraschende, wie verwirrende Aussagen gestoßen.

Im Mittelpunkt der christlichen Soziallehre steht die menschliche Person, die auf ihrer Gottesebenbildlichkeit beruht, die sich mit ihrem Vernunft- und Freiheitgebenden Vermögen die Erde untertan machen, sowie durch Kulturwerte eine reichere Lebenserfüllung schaffen soll. Der Mensch ist dabei geleitet von Selbstliebe und Eigeninteresse, mit dem Bestreben, für sich und die Seinigen zu sorgen. Die verantwortliche Selbstverwirklichung, getragen von der sittlichen Persönlichkeit, ist des Menschen erste Lebensaufgabe. Als Person ist der Mensch mit der Freiheit ausgestattet, die er zur Selbstverwirklichung braucht. Er ist natürlicherweise frei und existiert um seiner selbst willen. (Quelle: Kurz gefasste christliche Soziallehre von Univ.-Prof. Johannes Messner, Wien)(1)

Die christliche Soziallehre nimmt zwar Bezug zur Gottesebenbildlichkeit, definiert aber menschliches Handeln zweckorientiert, im Kontext von Nutzen, Eigeninteresse und Vorteilen, wobei sie das Eigeninteresse den Interessen anderer voranstellt. Die Idee der Selbstverwirklichung führt dazu, dass jeder anders sein will als der andere. Er muss sich abgrenzen, sich abheben, sein „Profil“ ständig schärfen. Dies fördert ein Gegeneinander statt Miteinander und vermittelt die Botschaft, dass ein Mensch nur dann etwas wert ist, wenn er Erwartungen erfüllt und etwas leistet.

Wenn der Mensch nur um seiner selbst willen existiert, hat er kein Motiv für das Wohl anderer zu leben und Beziehungen zu anderen zu suchen. Warum sollte er sich für andere interessieren und zum Wohl anderer leben, wenn Spaß doch einfacher zu haben ist? Das christliche Gebot besagt allerdings: „Liebe den Nächsten wie dich selbst“  – und nicht umgekehrt!

Die säkulare humanistische Ethik ist eine reine Situationsethik nach dem Motto: Alles ist relativ! Es gibt keine allgemein gültigen Antworten auf Fragen der Moral! Alles ist möglich, nix ist fix!(2) Die Deutungshoheit über Ethik und Moral haben heute Sozialwissenschaftler und Biologen übernommen, in der der Mensch nicht mehr Ebenbild Gottes, sondern Resultat der Evolution ist. Sozialwissenschaftler behaupten, dass sich unsere Moral biologisch und kulturell entwickelt hat und dass es Moral schon vor der Kirche gab, Wohlfahrt schon vor den Menschenrechten und Gier vor dem Kapitalismus. Aber was gab es vor dem Menschen?

Im Abschnitt III „Das sittliche Urteil“, heißt es: „Mit ihren allgemeinen Grundsätzen kann die christliche Soziallehre nicht immer unmittelbar feststellen, was in der jeweils konkreten Situation als Recht und Gerechtigkeit, Gut und Böse zu gelten hat. Man darf allerdings nicht vergessen, dass in vielen einfacheren Fällen, besonders des täglichen Lebens, der gesunde Hausverstand hinreicht, um Recht und Unrecht, Gut und Böse eines Handelns zu beurteilen.

Damit teilt die christliche Soziallehre die Auffassung von Sozialwissenschaftlern, dass der Mensch das Maß aller Dinge ist, ein Egoist, der nur um seiner selbst willen lebt. Somit bestimmt der Mensch alleine den Maßstab seines Handelns und muss seine Taten nur vor sich selbst rechtfertigen. Nichts anderes als das Vorteilsstreben sei der vermeintliche Motor des Soziallebens, so die unmissverständliche Aussage!

Der Grund, warum das Christliche in der Soziallehre verloren ging, ist in der christlichen Theologie zu finden. Warum daher die christliche Morallehre einen Quantensprung braucht, lesen Sie unter:  http://www.familienforum.at/wissenswertes/die-christliche-morallehre-braucht-einen-quantensprung/

 

1) Kurz gefasste christliche Soziallehre, Univ.-Prof. Johannes Messner, Wien
2) aus: Kernbereiche der Ethik 1 – Entwürfe zum Leben, Seite 6 von Karl Lahmer, Johann Bruckner, Gertraud Sachs