Neue Partnerschaftsformen – Zeichen der Bindungsunfähigkeit?

Pessimistischen Diskursen über „Lasten, Zerfall und Bindungsschwächen“ setzt das Bundesfamilienministerium eine positive Sicht auf die Situation der Familie in der deutschen Gegenwartsgesellschaft entgegen: „Eine Beliebigkeit der Lebensformen oder eine Abkehr von der Familie lässt sich in unserer Gesellschaft nicht feststellen“, die „Bindungslosigkeit“ habe in den vergangenen Jahren nicht zugenommen (1). Zwar nehme der Anteil der Single-Haushalte zu, eine „wesentliche Ursache“ hierfür sei jedoch die große Zahl verwitweter Frauen als Folge der Alterung der Gesellschaft (2).

Tatsächlich aber hat der Anteil der Singles in der älteren Generation der über 65-Jährigen deutlich abgenommen – und dies vor allem bei den Frauen: Von ihnen lebt heute ein größerer Anteil als noch vor 15-20 Jahren mit einem Partner – fast immer in Ehe – zusammen. Der Grund liegt in den sich verändernden Geschlechterproportionen: Im Gegensatz zur noch älteren Generation waren die 65-75-Jährigen Frauen keinem kriegsbedingten Männermangel mehr ausgesetzt und sind seltener unverheiratet geblieben. Gleichzeitig ist die Lebenserwartung auch der Männer gestiegen. Aus diesem Grund leben über 60-Jährige Frauen häufiger als früher mit ihrem Ehemann zusammen. Verheiratete und verwitwete über 60-jährige Frauen sind in der Regel Mütter, die auch im Alter noch in Beziehung zu ihren erwachsen gewordenen Kindern leben (3). „Bindungslosigkeit“ als Leben ohne Partner und Kinder ist unter den heute über 65-Jährigen eher selten.

In der erwachsenen Bevölkerung im Alter von 20 bis 65 Jahren geht der Trend dagegen hin zur Singularisierung: Seit 1991 hat der Anteil der in Einpersonenhaushalten lebenden erwachsenen Bevölkerung deutlich zugenommen. Dies gilt insbesondere für die 25-45-Jährigen, also die Gruppe im klassischen Familiengründungsalter. Hier hat der Anteil der Alleinlebenden um mehr als 60 Prozent zugenommen (4). Die Singularisierung ist die Folge der stark rückläufigen Heiratsneigung: Diese zeigt sich einerseits im Aufschub der Eheschließung in ein immer höheres Lebensalter und andererseits im wachsenden Anteil jüngerer Menschen, die gar keine Ehe mehr eingehen. Zwar ist seit den 70er Jahren das „Zusammenleben ohne Trauschein“ in einem gemeinsamen Haushalt häufiger geworden. Die Zunahme dieser nicht-ehelichen Lebensgemeinschaften (NEL) hat die „fehlenden“ Ehen aber nicht ersetzt: In den Jahrgängen der in den 40er und 50er Jahren Geborenen lebten im Alter von 30 Jahren nur etwa 15-20 Prozent ohne Partner im Haushalt, in den Geburtsjahrgängen der 60er waren es schon über 30 und in denen der 70er Jahre annähernd 40 Prozent (5). Für die Generation der in den 80er Jahren Geborenen ist ein noch höherer Anteil von Einpersonenhaushalten absehbar (6).

Bewohner von Einpersonenhaushalten sind nicht zwangsläufig „Singles“ im engeren Sinn: Nicht wenige (ca. 30 Prozent) dieser „Alleinwohnenden“ haben einen Partner außerhalb des Haushalts (7). Solche „LAT-Partnerschaften“ (LAT für „living apart together“) können eine „Probezeit“ für Ehe, Haushalts- und Familiengründung sein. Dies war und ist typisch für Partnerschaften junger Erwachsener im Alter von 20-30 Jahren. LAT- Partnerschaften können aber auch eine Lebensform des höheren Erwachsenenalters ohne „Familienperspektive“ sein. Insbesondere diese Form der LAT-Partnerschaft ist in den letzten 15-20 Jahren häufiger geworden. Charakteristisch für LAT-Partnerschaften ist ihre Instabilität: Unabhängig vom Alter der Partner wird innerhalb eines Zeitraums von 6 Jahren die Hälfte von ihnen getrennt (8). Sie sind damit noch wesentlich instabiler als nicht-eheliche Lebensgemeinschaften (von denen in einem vergleichbaren Zeitraum mindestens jede fünfte durch Trennung aufgelöst wird). Die meisten nicht-ehelichen Lebensgemeinschaften enden allerdings nicht in einer Trennung, sondern werden durch Heirat in eine Ehe überführt (9). Ehen wiederum bleiben in Deutschland mehrheitlich bis ins Alter bestehen. Trotz der gestiegenen Scheidungshäufigkeit ist die Ehe bei weitem die stabilste Form des Zusammenlebens von Mann und Frau (10). Ihr Bedeutungsverlust ist zugleich Symptom und Ursache einer wachsenden Singularisierung und Bindungslosigkeit.

(1) Stellungnahme der Bundesregierung zum Zwölften Kinder- und Jugendbericht, S. 3-16, in: Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (Hrsg.): Bericht über die Lebenssituation junger Menschen und die Leistungen der Kinder- und Jugendhilfe in Deutschland – Zwölfter Kinder- und Jugendbericht (Deutscher Bundestag 15. Wahlperiode – Drucksache 15/6014), S. 6.
     (2) Vgl.: Malte Ristau: Der ökonomische Charme der Familie, S. 16-24, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, 23-24 2005, S. 16.
     (3) Vgl.: Andrea Lengerer/Thomas Klein: Der langfristige Wandel partnerschaftlicher Lebensformen im Spiegel des Mikrozensus, S. 433-447, in: Statistisches Bundesamt (Hrsg.): Wirtschaft und Statistik, 4/2007, S. 440-442. Zur familiären und sozialen Lage von verwitweter Frauen: Vgl.: Stephan Baas: Soziale Netzwerke verschiedener Lebensformen im Längsschnitt – Kontinuität oder Wandel? S. 147-183, in: Walter Bien/Jan Marbach (Hrsg.): Familiale Beziehungen, Familienalltag und soziale Netzwerke, Ergebnisse der drei Wellen des Familiensurvey, S. 175-176, Wiesbaden 2008.
     (4) Siehe hierzu: Abbildung unten: „Mehr jüngere Erwachsene in Single-Haushalten“.
     (5) Josef Brüderl: Die Pluralisierung gesellschaftlicher Lebensformen in Westdeutschland und  Europa, S. 3-10, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, B19 Mai 2004, S. 4-5.
     (6) Siehe hierzu: Abbildung unten: „Lebensformen junger Erwachsener“.
     (7) Auswertungen des Sozio-ökonomischen Panels (SOEP) ergaben, dass 29 Prozent der „Alleinwohnenden“ einen Partner außerhalb des Haushalts hatte. Von den alleinerziehenden Müttern berichteten dies sogar 38 Prozent. Vgl.: Jens B. Asendorpf: Living Apart Together: Alters- und Kohortenabhängigkeit einer heterogenen Lebensform, S. 749-764, in: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, 60. Jahrgang, 4/2008, S. 755.

In der Sozialwissenschaft werden Partnerschaften von in separaten Haushalten lebenden Personen als LAT-Partnerschaften bezeichnet. Eingeführt wurde das Kürzel für LAT für „Living Apart Together“ 1978 von dem niederländischen Journalisten Michel Berkel in einem Artikel in der „Haagse Post“. Früher galten LAT-Partnerschaften eher als eine Lebensform von Künstlern, Intellektuellen und Bohemiens. Heute sind sie in westlichen Gesellschaften in breiteren Teilen der Bevölkerung anzutreffen. Vgl. ebenda, S. 750.

    (8) Vgl. ebenda, S. 257-262. Bei LAT-Partnerschaften gibt es auch keinen Trend zu größerer Stabilität im höheren Lebensalter. Die Trennungswahrscheinlichkeit ist also für LAT-Partner im Alter von 30 oder sogar 40 Jahren noch genauso hoch wie bei jüngeren Paaren. Im Gegensatz hierzu sinkt die Trennungswahrscheinlichkeit in Ehen und nicht-ehelichen Lebensgemeinschaften mit dem Alter der Paare. Ebenda.

    (9) Analysen von Daten aus dem Familiensurvey ergaben, dass sich nach fünf „Kohabitationsjahren“ 21,4% der Paare getrennt und 60,7% geheiratet hatten. Nur 17,8% der Nicht-ehelichen Lebensgemeinschaften hatten nach fünf Jahren noch Bestand. Vgl.: Thomas Klein: Pluralisierung versus Umstrukturierung am Beispiel partnerschaftlicher Lebensformen, S. 143-159, in: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, 51. Jahrgang, 3/1999, S. 478.

     (10) Dass Ehen deutlich stabiler sind als andere Partnerschaftsformen einschließlich nicht-ehelicher Lebensgemeinschaften ist keine deutsche Besonderheit, sondern international zu beobachten: Untersuchungen für Kanada zufolge enden fast 20 Prozent der NEL und 4 Prozent der Ehen innerhalb eines Zeitraumes von drei Jahren durch Trennung. Jean Dumas/Alain Bélanger: Common-Law Unions in Canada at the end of the 20th Century, S. 123-186, in: Report on the demographic Situation in Canada 1996, S. 149.

Quelle: www.i-daf.org  Newsletter Woche 33 – 2009