Familie ist dort, wo Kinder sind?

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Von Johannes Stampf

 Da richtet die ÖVP, die sich auf ihre Fahnen schreibt, christliche Ehe- und Familienwerte zu vertreten, eine aufwendige Perspektivengruppe ein, die stolz ihre neue Definition von Familie präsentiert: „Familie ist dort, wo Kinder sind“ und nimmt sich damit auf fatale Weise, aber publikumswirksam und nachhaltig, den Wind aus ihren eigenen Segeln.

Mit dieser politischen Neudefinition des Begriffs „Familie“, der seine langen Schatten unweigerlich auch auf den Begriff „Ehe“ wirft, wird sich die ÖVP fortan nicht länger darüber beschweren können, dass gleichgeschlechtliche Paare alles unternehmen, legale Wege und Möglichkeiten zu schaffen um an Kinder zu gelangen, insbesondere an adoptierte oder Pflegekinder, denn damit können sie sich mit Fug und Recht als Familie legalisieren lassen. Schlimmer noch, sie müsste sogar Kampagnen, wie die im nachfolgenden Artikel beschriebene, als familienfördernd, ja als familienbildend bzw. familienschaffend anerkennen.

Nicht Eltern zeugen heute Kinder, schaffen mit ihren Kindern eine Familie und machen auf diese Weise ihre eigenen Eltern zu glücklichen Großeltern. Nein! Das war scheinbar nur unter dem Diktat der biologischen und soziologischen Gegebenheiten der Vergangenheit notwendig. Die wissenschaftlich und sozial aufgeschlossene, sich als fortschrittlich bezeichnende Menschheit, so will man uns glauben machen, tickt heute anders: Es sind die Kinder, die die Familie und in weiterer Folge auch die Ehegemeinschaft schaffen und definieren. Das Gerangel um die Kinder ist entbrannt und wird leider, wie so oft, wieder einmal auf dem Rücken der Ärmsten ausgetragen – der Kinder, die einer Pflegefamilie bedürfen.

Ehe- und Familienkompetenzen fördern

Würden wir unserer Gesellschaft nicht einen viel besseren Dienst erweisen, wenn wir nach Wegen suchen, wie wir erfolgreiche und glückliche Ehegemeinschaften und Familien etablieren können? Wäre es nicht besser den jungen Menschen nicht nur die Kompetenzen für ein erfolgreiches Berufsleben mitzugeben, sondern auch die Kompetenzen für ein erfolgreiches Ehe- und Familienleben? Natürlich kann man Glück weder im Berufs- noch im Familienleben erzwingen, aber wir könnten als ersten Schritt beispielsweise überlegen, wie wir das Bildungs- und Sozialbudget gleichmäßiger auch auf diese äußerst wichtigen sozialen Standbeine verteilen und gegebenenfalls auch aufstocken könnten.

Wie müsste das geschehen?

Wir müssten auf Ehe- und Familienkrisen genauso reagieren wie auf Krisen der Wirtschaft und der Arbeitslosigkeit. Eines muss klar sein: Wenn wir die Jugend nicht mit den Kompetenzen für ein erfolgreiches und glückliches Ehe- und Familienleben ausstatten, dann wird sie darin auch nur schwerlich erfolgreich sein. Das wissen wir in der Wirtschafts- und Arbeitswelt sehr genau und setzen dort auch auf sehr aufwendige Programme, sei es die Lehrlingsinitiative, die Fachausbildungsinitiative, Arbeitsloseninitiative und wie sie alle heißen. Was wäre mit einer milliardenschweren Initiative für ein glückliches und erfolgreiches Ehe- und Familienleben? Müsste eine zukunftsorientierte Familien- Sozial und Bildungspolitik nicht genau dort ansetzen, z.B. 1/4tel Allgemeinbildung, 1/4tel Kommunikations- und interkulturelle Friedensbildung, (wie gehe ich mit Mitmenschen aus der eigenen und aus fremden Kulturen und Religionen um?) 1/4tel Berufsbildung, 1/4tel Eltern- und Familienbildung?

Damit könnten wir sicherlich Ehe- und Familientragödien vorbeugen. Wir könnten die Zahl der Kindesmisshandlungen und der unzähligen seelischen Leiden der vom Familienzerfall betroffenen Väter, Mütter, Kinder und Großeltern erheblich herabsetzen. Wir könnten mit derartigen Maßnahmen für alle ein glücklicheres Umfeld fördern und damit die Lebensqualität steigern.

Aber was machen wir? Wir sehen zu, wie Ehe und Familie buchstäblich den Bach hinunter gehen und unternehmen so gut wie nichts, um sie zu retten. Wir stehen Jahr für Jahr wie gelähmt und handlungsunfähig vor den neuen Scheidungs- und Kindesmisshandlungsstatistiken. Dafür aber beeilen wir uns, in unseren jungen Menschen ein Bild zu etablieren, das dauerhaftes Ehe- und Familienglück in den Bereich unrealistischen Wunschdenkens abschiebt. Wir gaukeln der Jugend vor, dass Ehe- und Familienglück wie Vogerl sind, die kommen und wieder wegfliegen. Wir raten ihnen: sei gscheidt, gehe keine Dauerverbindung ein und lass dir in deinen Beziehungen und in deinem Verhalten immer genügend Hintertürchen offen. Das ist die vor egozentrischem Selbstschutz strotzende Basisideologie, die hinter Ehelosigkeit, Lebensabschnittspartnerschaften, Schwangerschaftsabbrüchen, Angst, Kinder in die Welt zu setzen u. dergl. steht.

Ehe und Familie als Ideologische Kriegsschauplätze

Darüber hinaus werden Vorstellungen über Ehe und Familie zu ideologischen Kriegsschauplätzen hochstilisiert und zu regelrechten Kampfbegriffen erklärt, und über die Verteilung der Mittel für Bildung und Erziehung von der Schwangerschaft über Kindergarten, Schulbildung und Berufsausbildung bis hin zum Hochschulabschluss bestimmen allein politische Machtverhältnisse. Von einem solchen Kriegsschauplatz berichtet auch der nachfolgende Artikel.

Natürlich muss unsere Gesellschaft Wege finden und Mittel zur Verfügung stellen, um möglichst allen Kindern ein glückliches Umfeld zu bieten, besonders jenen, denen ihr familiäres Umfeld schon schwerwiegende Lasten aufgebürdet hat. Es kann aber niemals darum gehen, vom Wesen her unfruchtbare Lebensgemeinschaften durch die Aufnahme von Kindern zu Familien und Ehegemeinschaften zu legalisieren, während dem Zerfall der natürlichen Eltern-Kind Familien tatenlos zugesehen wird. Sollten wir nicht zuerst und vor allem die Ehe- und Familiengemeinschaft als Orte der Geborgenheit, der Liebe und der Liebesentwicklung fördern und sichern? Unsere Jugend mit den dafür notwendigen Kompetenzen auszustatten scheint mir mindestens so wichtig wenn nicht noch wichtiger, wie die Maßnahmen zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit und des Facharbeitermangels.