PISA und die Folgen

Kommentar von Josef Gundacker

Nach jeder PISA-Studie läuft immer die gleiche Dramaturgie ab. – Im ersten Akt werden die Ergebnisse unter großer medialer Beachtung präsentiert, im zweiten Akt geht es darum, einen Schuldigen zu finden. Im dritten Akt wird der Ruf nach Konzepten und Kommissionen laut, und im vierten Akt bleibt schließlich alles so wie es ist.

Dabei glauben unsere Bildungsexperten und Politiker schon seit langem, genau zu wissen, welche Reformen nötig sind. Zu befürchten ist nur, dass keine neuen Lösungsvorschläge, sondern nur bereits bekannte Konzepte diskutiert werden. Neue Ideen sind riskant und auch mühsam in der Umsetzung. Bewährtes lässt sich viel leichter verkaufen.

Wenn man die zahlreichen Zeitungsberichte liest, tun Politiker genau das, was sie am besten können – einander die Verantwortung und Schuld zuschieben. Mich wundert schon lange, dass die meisten Politiker, egal welcher Partei sie angehören, das Allheilmittel für die Bildungsproblematik in Strukturreformen (Neue Mittelschule, ganztägige Schulangebote, Kindergartenoffensive, Reduzierung der Klassenschülerzahl) sehen. Kaum jemandem scheint die Frage zu interessieren, warum viele unserer Kinder, trotz normaler Intelligenz, so wenig von der Schule profitieren.

Die PISA-Studie hat gezeigt, dass Schüler in Österreich große Mängel in der Lesekompetenz aufweisen und 28 Prozent der 15/16-Jährigen unzureichend sinnerfassend lesen können. Liegt dies an der Schulstruktur? Oder an den Lehrern? Sicher liegt es zum Teil an den Lehrern! Nun werden Sie sagen, deshalb muss die Lehrerausbildung verbessert werden. Nur was muss bei der Lehrerausbildung verbessert werden?Haben die Lehrer zu wenige (spaßige) Konzepte? Zu wenig Wissen?

Die Frage ist auch, wo und ab wann entwickeln Kinder die Fähigkeit Zusammenhänge zu erfassen und zu kommunizieren? Beginnt dies erst im Kindergarten oder in der Schule? Oder doch bereits im Elternhaus? Können die besten Lehrer wirklich die Defizite der Kinder des Elternhauses ausgleichen?

Prof. Werner Wintersteiner, Leiter des Österreichischen Kompetenzzentrums für Fachdidaktik meint in einem SN Gespräch vom 6. Dez. – Die Ursache ist nicht nur in der Schulstruktur und in der Lehrerausbildung zu suchen. „Es kommt immer auf die Qualität des Unterrichts und des Lehrenden an“. Weiters glaubt Prof. Wintersteiner, dass letztendlich die Lesekultur, sprich die Gesellschaft dafür ausschlaggebend ist, wie gut und gern seine Bürger lesen lernen. Aber wer ist „die Gesellschaft“? Wer sind die ersten Bezugspersonen für Kinder? Sind dies nicht die Eltern?

Zu einer guten Kommunikation gehören zwei Aspekte: Sprechen und Zuhören! Sprachwissenschaftler erklären, dass 90% unserer Kommunikation nonverbal und nur 10% verbal stattfinden. Das bedeutet für die Entwicklung eines Kindes, dass es als Erstes auf die Qualität der Beziehungen im Elternhaus ankommt. Liegt möglicherweise ein Schlüssel zur Lösung der Bildungsmisere darin, die Kompetenzen für die Bildung und Erziehung auf die Familie auszudehnen?


Im Sinne einer von Frau BM Schmied zu Recht geforderten sachlichen Debatte möchte ich anregen, nicht nur über Strukturreformen, also Bildungsangebote und bestmögliche Wissensvermittlung zu diskutieren. In der Bildungsdebatte soll auch das wichtige Thema der Charakterbildung, der „Erziehung zur Verantwortung“ diskutiert werden. Wenn eine Person gut gebildet ist, sich viel Wissen angeeignet hat, bedeutet dies noch lange nicht, dass sie auch verantwortungsvoll handelt.Umgekehrt kann eine gering „gebildete“ Person sehr wohl verantwortungsvoll handeln. Die Persönlichkeit eines Menschen macht nicht aus, was er weiß, sondern was er ist!