Family Mainstreaming – was bedeutet das?

Family Mainstreaming bedeutet, die Familie als die grundlegende Einheit der Gesellschaft zu verstehen, als „Schule der Liebe“, wie es Martin Luther formuliert hat. Sie ist die Grundschule der moralischen und sozialen Entwicklung und der Ursprung unserer Wertvorstellungen.

In den letzten Jahren taucht bei familienpolitischen Diskussionen immer wieder der Begriff „Family Mainstreaming“ auf. Manche fragen sich, ob dieser Begriff nur ein anderer Ausdruck für die sog. Work-Life Balance ist. Will Family Mainstreaming vor allem auf den Wert von Familie hinweisen, oder die Leistungen welche Familien erbringen hervorstreichen? Family Mainstreaming bedeutet viel mehr! Es bedeutet nicht nur zu lernen, die Zeit, Interessen und Ressourcen besser zu managen. Es bedeutet einen völligen Paradigmenwechsel. Es bedeutet die Familie als das zu betrachten, was sie ist – die Keimzelle der Gesellschaft, welche vom Gelingen ihrer Beziehungen abhängt.

Die Familienpolitik der letzten Jahrzehnte ist deshalb weitgehend ineffizient, weil für so viele Menschen es unklar ist, was Familie eigentlich bedeutet. Sie denken, dass Familie vor allem der eigenen Bedürfnisbefriedigung dient. Dies wird einerseits durch das säkulare/materialistische Menschenbild gefördert, das den Menschen vorwiegend als Egoisten betrachtet, der in erster Linie die Selbstverwirklichung und das Eigeninteresse im Sinn hat. Auch die christliche Soziallehre betrachtet den Menschen vorwiegend durch Eigeninteresse und Eigennutz motiviert. Das Motiv eines Menschen sich für ein größeres Ziel einzusetzen und beispielsweise für das Wohl seiner Familie und dem Wohlergehen anderer Menschen zu leben, werden nur wenige Gedanken gewidmet. Wenn sich eine Mutter ganz seinem Kind widmet wird dies als Selbstaufgabe und Hindernis auf dem Weg zu persönlichen Selbstverwirklichung gesehen. Ein wahres Lebens für das Wohl seiner Kinder und das Wohl anderer ist aber genau das Gegenteil und führt zur Erfüllung und ständiger Bereicherung des Lebens.

Die Familienpolitik ist zwar um mehr Wertschätzung für Familien bemüht und sie strebt die gesellschaftliche Akzeptanz verschiedener Familienmodelle an. Dabei wird gerne übersehen, dass die „modernen“ Familienmodelle durch zerrüttete und wenig wertschätzende Beziehungen charakterisiert sind. Wenn in einer Familie Vater oder Mutter fehlt, oder jemand beansprucht, bevorzugt behandelt zu werden, anstatt zu investieren, so zerstört dies das gesamte Gleichgewicht. Diese kaputten Beziehungen belasten nicht nur die unmittelbar Betroffenen, sondern zunehmend auch die breitere Gesellschaft.

Es ist eine Grundproblematik, dass der Mensch heute nur aus ökonomischer, politischer und sozialer, also struktureller Sichtweise betrachtet und diskutiert wird. Die zwischenmenschlichen Beziehungen und die vielfältigen Beziehungsprobleme, die auf Grund von Misstrauen und falscher, egoistischer Verhaltensweisen entstehen, werden nicht berücksichtigt. Wenn ein Paar sich scheiden lassen will, werden als Grund meist die unterschiedlichen Interessen angeführt, oder die Umstände sind schuld. Wenn ein Kind Lernschwierigkeiten hat, so wird dies auf mangelndes Interesse oder auf falsches Verhalten zurückgeführt. Ein solches Kind hat aber meist kein Verhaltensproblem, sondern ein Beziehungsproblem. Auf Grund dieses ökonomisierten, reduzierten Menschenbildes kommt es zu falschen Schlussfolgerungen in der Familienforschung und Familienpolitik. Beispielsweise werden als Ursache für Armut ein Mangel an Chancen, Möglichkeiten und Ressourcen genannt.

Die Grundproblematik kurz gefasst:

  1. Familie wird nur als Organisationsform verstanden.

Es herrscht die Meinung vor, dass der Mensch die Freizeit, die Erwerbsarbeit und Familienarbeit nur richtig managen bräuchte. Daher heißt das Ziel der Familienpolitik auch die Vereinbarkeit von Beruf und Familie!

Familie lässt sich allerdings nicht nach Managementmethoden errichten. Familiäre Beziehungen entwickeln sich nur, wen sie auf Vertrauen, Respekt und der Bereitschaft in die Beziehungen zu investieren gründen. Gutes Management ist wichtig, allerdings eine sekundäre Größe.

  2. Mann und Frau werden als Konkurrenten gesehen.

Sie befinden sich in einem ständigen Spannungsfeld und permanenten Machtkampf. Die Ungleichheit von Mann und Frau wird als das größte Problem gesehen und daher ist die Gleichstellung das wichtigste politische Ziel.  Die Gleichstellung basiert auf dem Vorurteil, dass die Partnerbeziehungen nicht funktionieren, es besteht meist ein Abhängigkeitsverhältnis. Deshalb ist die Priorität der Gleichstellung, die Unabhängigkeit und wirtschaftliche Absicherung für Frau und  Mann sicherzustellen.

Diese Sichtweise ist deshalb problematisch, da das Wesen von Mann und Frau darauf angelegt ist, sich gegenseitig zu ergänzen. Eine Beziehung zwischen Mann und Frau ist nicht möglich, wenn jede Seite nur sich und seine Interessen in den Vordergrund stellt.

  1. Selbstverwirklichung wird als höchstes menschliches Ziel definiert

Die verantwortliche Selbstverwirklichung, getragen von der sittlichen Persönlichkeit, ist des Menschen erste Lebensaufgabe. (Quelle: Kurz gefasste christliche Soziallehre) Ein Mensch der sich „sittlich“ verhält, gebildet ist und beruflich erfolgreich ist, ist nicht unbedingt auch eine menschlich reife Persönlichkeit. Eine reife Persönlichkeit und schließlich reife Elternschaft anzustreben steht nicht in den Bildungsplänen. Im Gegenteil, die Rolle der Eltern wird im Namen der Individualisierung in Frage gestellt. Falsche Leitbilder über Elternschaft und damit falsche Erwartungen an Mütter und Väter, sind für viele ein Hindernis um eine Ehe überhaupt einzugehen und eine Familie zu gründen.

  1. Kinder werden im Sinne des „homo-oekonomicus“ als Wirtschaftsfaktor gesehen

Im Sinne des individualistischen Weltbildes, wonach der Mensch von Selbstliebe und Eigeninteresse geleitet ist, werden Kinder oft als Nutzbringer zur eigenen Bedürfnisbefriedigung betrachtet. Von Seiten der Wirtschaft und Politik sieht man Kinder vielfach als zukünftige Konsumenten. Die Bedeutung der Eltern-Kind Bindung wird fast vollständig ignoriert. Für ein Kind ist nicht wichtig was die Eltern tun, sondern wer sie sind – die Eltern! Ein Kind fragt sich: Bin ich geliebt? Bin ich gewollt?  Darf ich Kind sein oder muss ich Erwartungen und Normen erfüllen?

Family Mainstreaming bedeutet, die Familie als die grundlegende Einheit der Gesellschaft zu verstehen. Das Geheimnis für die Neubelebung der Familie liegt in der Erkenntnis, dass Familie nicht Selbstzweck ist, sondern einem größeren Ganzen dient. Wir müssen die Dynamik einer gut funktionierenden Familie verstehen um die Familie stärken zu können.

Die Familie ist, wie es Martin Luther formuliert hat, eine „Schule der Liebe“. Sie ist die Grundschule der moralischen und sozialen Entwicklung und der Ursprung unserer Wertvorstellungen. Wenn es einer Familie gelingt verbindliche Beziehungen und eine Atmosphäre des Vertrauens aufzubauen, wird sie sich entwickeln.

Was bedeutet Family Mainstreaming im Detail? Dem Family Mainstreaming liegt die Erkenntnis zugrunde, dass nicht das Individuum, sondern die Familie die Keimzelle der Gesellschaft ist. Family Mainstreaming fördert daher das Mehr-Generationen Modell.

1. Großeltern sind eine Bereicherung

Sie dürfen nicht länger vorwiegend als Belastung und Hilfsbedürftig gesehen werden. Unser heutiges Verständnis von Lebensqualität älterer Menschen ist, dass jede(r) individuell gut versorgt, ein angenehmes Leben führen kann und noch etwas Lebensfreude hat. Ältere Menschen werden daher oft viel zu rasch aus dem Familienverband herausgelöst, um die Familie zu „entlasten“. Im Seniorenheim können sie dann unter „Ihresgleichen“ ihre oft wenig inspirierende Lebensgeschichte austauschen. Genau das ist aber der falsche Ansatz, denn damit nimmt man einem alten Menschen die Möglichkeit, seine Zeit und Lebenserfahrung mit Kindern zu teilen.

2. Mann und Frau sind gleichwertige, aber wesensunterschiedliche Partner

Sie dürfen nicht weiter als Konkurrenten betrachtet werden. Nicht die Gleichberechtigung, sondern die Beziehungsfähigkeit muss gefördert werden. Das vorherrschende Menschenbild stellt die Unabhängigkeit und die Selbstverwirklichung als Ziel des Menschen hin. Der Mensch ist aber interdependent, das heißt ein Beziehungswesen, das aufeinander angewiesen ist. Nur wenn die Bereitschaft gegeben ist, für sich und den Ehepartner die Verantwortung zu übernehmen, wird eine Partnerschaft funktionieren. Nicht Freiheit von Verantwortung, sondern Freiheit durch Verantwortung muss das Motto der Zukunft lauten. „Bindung ist die Freiheit auf die man sich verlassen kann“ sagt der Familientherapeut Steve Biddulph. In einer Mann-Frau Beziehung, einer Familie, einer Gesellschaft, wo jeder sich in die Beziehung zum anderen investiert, herrscht Freiheit und Gleichheit. Jeder fühlt sich frei, denn er weiß, dass er sich auf den anderen verlassen und ihm vertrauen kann!

3. Eltern sind die Gestalter einer Familie

Die Rolle der Eltern darf nicht im Namen der Individualisierung in Frage gestellt werden. Für ein Kind ist nicht entscheidend was die Eltern tun, welchen Beruf sie haben, sondern wer sie sind – die Eltern. Die Liebe der Eltern prägt das Leben des Kindes. „Kinder, die nicht selbstlos geliebt werden, werden Erwachsene, die nicht lieben können“. Das Streben nach einer reifen Persönlichkeit und reifer Elternschaft im Sinne der christlichen Gottesebenbildlichkeit, mit Gott als Eltern im Mittelpunkt soll das Kernanliegen in der Erziehung werden.

4. Die Eltern-Kind Beziehung ist die zentrale Achse der Familie

Kinder werden immer wieder als zukünftige Konsumenten, als Nutzbringer oder für die persönliche Genugtuung gesehen. Erziehungsexperten haben meist ein sehr geringes Verständnis für die Eltern-Kind Bindung. Sie gehen vom Verständnis aus, dass ein Kind seine Talente und Fähigkeiten am besten unabhängig von familiären Bindungen entfalten kann. Man müsse ihm nur das notwendige Wissen und die entsprechenden Chancen geben. Die Bedeutung der Eltern für die Entwicklung des Kindes wird gering geschätzt. Die zentrale Bedeutung der Kind-Eltern Bindung muss beachtet werden. Die Eltern – Kind Beziehung ist die zentrale Achse der Wertevermittlung und die zentrale Achse um Leben und Liebe, das eigentliche Humankapital, an die nächste Generation weiterzugeben

Was bedeutet Family Mainstreaming nun konkret für die Politik?

Die Familie als Keimzelle zu verstehen bedeutet einen vollständigen Paradigmenwechsel für die Familienpolitik, die Bildungspolitik und in der Erziehung.

Die heutige Sozialwissenschaft betrachtet den Menschen als Einzelwesen und sieht daher nur die individuellen Bedürfnisse, die intellektuelle Entwicklung des Einzelnen und seine  Individualen Rechte.  Sie definiert daher nur das individuelle Recht auf Freiheit, Gleichheit und Menschenwürde.

Unsere Aufmerksamkeit wird heute auf eine verwirrende Vielfalt von sozialen Problemen, etwa Armut, Kriminalität, Gewalt, Drogenkonsum, Arbeitslosigkeit gelenkt. Bei Kindern und Jugendlichen werden Verhaltens- und Lernprobleme und Entwicklungsstörungen, wie eingeschränkte geistige Leistungsfähigkeit, gestörtes emotionales Verhalten oder gering ausgebildete intellektuelle (kognitive) Funktionen erkannt, unterschieden und benannt. Dies sind allerdings nur Beschreibungen und keine Erklärungen, denn sie fragen nicht nach ihren Ursachen.

Die wahre Herausforderung liegt darin, die Situation der Erwachsenen und Kinder von innen heraus zu verstehen. Die tieferen Gründe für Armut, Gewalt und sozialen Abstieg sind überwiegend in zerstörten Familienverhältnissen zu finden. Wenn es nicht schaffen die Familien zu stärken und Versöhnung zu erreichen, werden wir den Betroffenen auch nicht helfen können.

Family Mainstreaming betrachtet den einzelnen Menschen im Kontext seiner Familie, seiner Beziehung zu seinem Mitmenschen und seiner Umwelt.

Josef Gundacker