Die Zukunft der Familie [Josef Gundacker]

Die Zukunft der Familie oder, die Art das Problem
zu sehen, ist das Problem

Vortragsabend 22. März 2007, Wien
von Josef Gundacker

Bevor wir über Lösungsansätze für die Familie und die Zukunft der Familie diskutieren, müssen wir unsere eigenen „Paradigmen“ verstehen ansonsten besteht die Gefahr, dass wir aneinander vorbeireden.

Wenn heute über die Rolle von Mann und Frau gesprochen wird, so kann man das zugrunde liegende Familienbild folgendermaßen beschreiben: Mann und Frau sind Konkurrenten welche jeweils um Ihren Machtanspruch kämpfen und ihre Rechte durchzusetzen bemüht sind. Dahinter steht ein oft meist selbst bezogener Individualismus der darauf besteht ein Recht zu haben das zu tun was das Beste für mich ist. Dieser Denkweise folgt einer inneren Einstellung unrealistischer Erwartungen. Ein solch selbstzentriertes Rollenspiel von Mann und Frau kann eigentlich nur zur Scheidung führen. Wir erleben so zu sagen die Verwirklichung der Hegel´schen Dialektik vom „Kampf der Gegensätze“

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Kinder und Jugendliche wissen, wie es die Familienministerin kürzlich ausdrückte, nicht mehr, was „Familie“ und ein geordnetes Familienleben bedeutet. Wo sollen Kinder dann lernen, später eine geordnete Familie aufzubauen?

In den Diskussionen um Familie erleben wir auch immer wieder den ideologischen Konflikt zwischen konservativem und liberalem Familienbild!   Dem konservativen und angeblich „heilen“ Bild der Familie, wo der Mann sich um das Einkommen der Familie sorgt und die Frau sich um Haushalt und Kinder kümmert, also vorwiegend „Hausfrau“ und Erzieherin ist, steht andererseits das sozialistische, als modern propagierte Familienbild gegenüber, wo beide Partner „frei“ und „unabhängig“ ihrem Beruf nachgehen und der Staat sich vorwiegend um die Kinder kümmert. Die Wochenend-Ehen sind ja sehr beliebt geworden. Dies hält angeblich die „Liebe“ frisch und vermeidet Konflikte. Beide Familienbilder haben mehr oder weniger große Defizite.

In unserer täglichen Sprache sehen wir auch, dass sich das heutige Menschen- und Familienbild vorwiegend an Zweck und Nutzen orientiert.

Wir sprechen sehr gerne von Arbeitskraft. Was passiert wenn einem Menschen einmal die „Kraft“ ausgeht, er daher nicht mehr arbeitsfähig ist, dann bekommt er den „blauen Brief“. Oder wenn ein Funktionär plötzlich nicht mehr „funktioniert“, soll heißen, dass er keine „gute“ Arbeit mehr leistet, dann wird er entsorgt!

Welche Quelle der Kraft, welche Quelle der Regeneration hätten wir an und für sich zur Verfügung? Es ist die Familie! Die Familien werden aber durch das „moderne“ Familienbild zerrissen.

Familiäre Beziehungen sind kündbar geworden. Tatsache ist aber, dass es Beziehungen gibt die nicht kündbar sind. Ich kann mir meine Großeltern, Eltern, Geschwister und Verwandten nicht aussuchen. Diese Beziehungen sind nicht verhandelbar. Ich kann zwar eine schlechte Beziehung verdrängen, mich abwenden, versuchen weg zu laufen, aber diese Beziehungsprobleme werden mich immer wieder einholen.

Die Familie wird zwar nach wie vor als Keimzelle der Gesellschaft betrachtet, jedoch worin besteht eigentlich diese tragende Staatssäule Familie? Jede Partei spricht von „Ihrem“ modernen Familienbild. Man tut sich bei der Verschiedenartigkeit gelebter Lebensformen mit einer verbindlichen Definition von Familie aber schwer und beschränkt sich deshalb in überparteilicher Harmonie auf Familie als das, „wo Kinder sind“ oder die Therapeutin Carmen Unterholzer vom Institut für Familientherapie definiert Familie als ein Netz an intensiven Beziehungen. Aber warum sollte man nicht die tragende Säule des Staates genauso gut als das ansehen,  wo Eltern sind? Kinder sind zwar unsere Zukunft, aber sind nicht Eltern die Architekten des Familiensystems? Ihre Beziehung ist der Grundstein des Wohlergehens der gesamten Familie.

Wo finden wir nun eine brauchbare Lösung des Problems? Lassen sie mich ein Beispiel bringen, bzw. eine Frage stellen. Was ist die Voraussetzung für einen Arzt damit er eine Krankheit richtig diagnostizieren und die richtige Medizin verschreiben kann? Er braucht das Bild und Wissen um die Funktionen eines völlig gesunden Körpers. Ohne das Verständnis um die gesunde Funktionalität des menschlichen Körpers, wird er nie eine richtige Diagnose stellen können.

Auf gesellschaftlicher Ebene heißt dies: Wir brauchen ein gesundes Familienbild. Es wird nun von vielen der Einwand kommen, dass es die „heile Familie“ nicht gibt und dass viele Menschen,konfrontiert mit einem Idealbild von Familie, daran scheitern. Dazu ist zu sagen, dass mit einer angeblich „heilen Familie“ die Menschen völlig falsche und unrealistische Erwartungen verbinden.

Wir brauchen kein Familienbild auf Grundlage einer Ideologie oder Weltanschauung sondern  ein Familienbild, welches auf universellen Prinzipien basiert. Wir brauchen das Bild der Familie als „Schule der Liebe“. 

Lassen sie mich dies näher ausführen: Die menschliche Entwicklung, und damit die Entwicklung der Persönlichkeit und der Liebesfähigkeit wachsen in Stufen. Liebe erlebt man nicht wenn man sich irgendwie generell anderen zuwendet,

Liebe ist vielmehr von Anfang an so angelegt, dass sie innerhalb der Familie erlebt wird. In anderen Worten, wir benötigen zuerst das Erleben und das Reifen von Liebesbeziehungen im Familienverband und auf dieser Basis werden wir fähig unsere Liebe auf die Welt um uns herum auszudehnen.

In der Familie erleben wir vier auf einander folgende Stufen von Liebesbeziehungen, nämlich die

Liebe der Kinder zu den Eltern, die Geschwisterliebe,

            die eheliche Partnerliebe und die Liebe der Eltern zu ihren Kindern.

Jede dieser vier Liebesbeziehungen beeinflusst die klare Ausformung der Persönlichkeit der Familienmitglieder. Wir sprechen hier von „Vier Herzensbereichen“. Der Mensch wird in der Entwicklung seiner einzigartigen Identität maßgeblich von den Liebesbeziehungen beeinflusst, die er innerhalb der Familie erlebt.

Die Familie ermöglicht also eine Erziehung, in der die Liebe erlebt wird und sie legt auch die ultimative Bedeutung der Liebe als Verbindungsmedium zwischen dem temporären und dem ewigen Bereich offen. Wir können also sagen, dass die familiären Liebesbeziehungen über den physischen Bereich hinausgehen und in der Generationenfolge ihren Niederschlag finden.

Generell analysieren Ehe- und Familientherapeuten Liebesbeziehungen innerhalb der Familienmitglieder aus psychologischer Sicht. Hier wird das Liebeserleben als primär natürliche Erscheinung aufgefasst und von den Erklärungen wird erwartet, dass sie sich innerhalb des beobachtbaren physischen Bereichs bewegen.

Betrachten wir jedoch die Sache tiefer, mögen wir zu dem Schluss kommen, dass die Realität der Liebe nicht das Produkt eines menschlichen Erfindungsreichtums ist, sondern uns als ursprüngliche Gabe und als Frucht ernsthafter Anstrengungen mitgegeben wurde. Kurz gesagt besitzen Liebesbeziehungen eine klare spirituelle Dimension. Die Vision eines gesunden Familienlebens muss diesen spirituellen Aspekt der Liebe ganz besonders einschließen.

Zurück zu den vier Arten der Liebe innerhalb der Familie.  Wir entdecken darin einzigartige Merkmale.

Wir erleben unsere Kindheit in einer sicheren Umgebung unter der Liebe und dem Schutz unserer Eltern.

Die neuesten Studien und Erkenntnisse der Bindungsforschung sagen eindeutig, wie elementar  das Bedürfnis der Bindung eines Kindes zu seinen Eltern ist.

In unserer Gesellschaft finden wir aber die traurige Realität vor, dass viele Väter und Mütter in ihrer Persönlichkeitsentwicklung selber noch Kinder, und daher gar nicht fähig sind Elternliebe ihren eigenen Kindern zu geben. Eine Überforderung ist damit vorprogrammiert.

Dann beginnt die Pubertät, die den Beginn eines neuen dynamischen Lebens signalisiert, in dem wir neue Beziehungen zu den Menschen um uns herum, zu Geschwistern, Freunden, und zu allen Dingen der Schöpfung knüpfen. Von diesem Moment an befinden wir uns auf dem Weg zu reifen Menschen zu werden – innerlich durch die Formung unseres Charakters und äußerlich durch das Erreichen des Erwachsenenalters.

Wir entwickeln unsere sexuelle Identität und sind mit ganz persönlichen Herausforderungen konfrontiert. Das untrügliche Zeichen unserer menschlichen Selbsttranszendenz besteht aus unserer Identität als geschlechtliche Wesen.

Heute werden aber frühe sexuelle Beziehungen gefördert mit dem Argument, dass ein Unterdrücken des Sexualtriebes zu Neurosen führen kann. Das Vorhandensein eines Triebes rechtfertigt aber noch nicht seine bedenkenlose Erfüllung.

Obwohl junge Menschen in ihrer  Persönlichkeitsentwicklung und Bindungsfähigkeit noch nicht reif für eine intime Beziehung sind, wird ein freizügiger und verantwortungsloser Umgang im Sexualunterricht an den Schulen gelehrt.

Die Folge davon ist, eine große Verunsicherung der Jugendlichen.  Diese große Unsicherheit und Bindungsunfähigkeit ist die Ursache der rapide wachsenden Single Haushalte.

Wir können sagen, dass Mann und Frau zu gegenseitig ergänzenden Liebespartnern geschaffen wurden und diese Beziehung exklusiv ist. In dieser Beziehung sollte die höchste und intensivste Form der Liebe ihren Ausdruck finden. Die Voraussetzung für die gesunde Entwicklung und auch eine erfolgreiche Ehe und Familie sind aber, dass ein junger Mensch seine Reinheit bewahrt und in der Ehe eine Beziehung basierend auf absoluter gegenseitiger Treue verwirklicht.

Damit eine Liebesbeziehung wachsen kann, müssen Mann und Frau sich vom „ICH“ zum „WIR“ entwickeln. Nicht meine Interessen, sondern unsere gemeinsamen Interessen sind wichtig. Mann und Frau müssen von der Unabhängigkeit zur Interdependenz sich weiterentwickeln. Familientherapeuten sind sich darin einig, dass Liebe die Entscheidung ist, deinen Partner zur wichtigsten Person in deinem Leben zu machen.

Dies ist mit viel Arbeit verbunden, die täglich eingesetzt werden muss.

Hier stellen sich nun die entscheidenden Fragen nach der Vorbereitung und Qualifikation auf Ehe und Familie, aber diese Fragen werden nach den Worten von Dr. Martin R. Textor, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Staatsinstitut für Frühpädagogik und Familienforschung in München nicht behandelt. Er schreibt in seinem Artikel „Familienbildung als Aufgabe der Jugendhilfe“ Folgendes: „Jedoch handelt es sich bei Partnerschaft und Familienleben um zwei der wenigen Lebensbereiche, für die eine Vorbereitung oder gar Qualifikation weder als notwendig noch als erforderlich angesehen wird“.

Die wichtigsten gesellschaftlichen Fragen  sind daher:

1.     Welche Vorbereitung und Qualifikation auf Ehe und Familie sind 
        notwendig, um gesunde Familien zu schaffen?

 2.    Welche Unterstützung und welche Hilfen benötigen Eltern, um deren elterliche Kompetenz zu stärken

 3.    die vielen zerbrochenen Familien und konfliktträchtigen Beziehungsmuster zu heilen.

Man kann sich jetzt fragen, warum gibt es nicht größere Erfolge in der Heilung funktionsgestörter Familien? Auch wenn ich mich jetzt der Gefahr der Vereinfachung aussetze, will ich doch eine Antwort anbieten. Erfolgreiche Ehen und Familien brauchen beides, eine ausgeglichenes geistiges Leben und praktische Fähigkeiten menschliche Beziehungen zu errichten und zu pflegen

Die eheliche Beziehung hat zweifelsohne ein großes heilendes Potential.

Wenn Mann und Frau in ihrer ersten oder auch zweiten Ehe sich gegenseitig nicht als Konkurrent, sondern als ewige Partner betrachten, kann das heilende Potential in ihrer Ehe wirksam werden: Mann und Frau können in ihrer ehelichen Beziehung einander Ehemann, Freund, Vater, Sohn, Älterer Bruder, Jüngerer Bruder, bzw. Ehefrau, Freundin, Mutter, Tochter, Ältere Schwester, Jüngere Schwester sein und somit eine Vielfalt von Beziehungen erleben, sich gegenseitig in ihrem persönlichen Wachstum unterstützen und auch Defizite aus ihrer Vergangenheit und auch ihrer Kindheit aufarbeiten. 

Dazu braucht es aber das gesunde Verständnis und das Bild einer gesunden Familie.

Ich möchte mit den Worten von Adolf Kolping schließen, der gesagt hat:

„Das Familienleben und sein Wohlstand sind wichtiger als alle Wissenschaft der Gelehrten, als alle Kunst großer Geister, als alle Macht der Mächtigen, und vermögen sie tausende aus dem Boden zu stampfen“    Danke für Ihre Aufmerksamkeit.