Die Eins-plus-eins-Familie, eine Familie mit Defiziten?

Kommentar von Josef Gundacker

In Österreich sind 14,2 Prozent aller Familien, Ein-Eltern-Familien. Diese Eins-plus-eins-Familien sind in den Augen vieler, eine Familie mit Defiziten. Die deutsche Journalistin Bernadette Conrad schreibt in ihrem Buch „Die kleinste Familie der Welt“:„Freiwillig gewählt hat diesen Weg ja kaum jemand“, diese Familien seien aber nicht defizitär – Und doch fehlt etwas!

Die meisten Eins-plus-eins-Familien wachsen über sich hinaus, sind entschlossen das Familienleben gut zu meistern. Sie sind kämpferisch, auch wenn es nicht immer leicht ist, für das Kind, den Alltag, für alles allein verantwortlich zu sein.- Und doch fehlt etwas!

„Ja, man werde kompetenter“, sagt Conrad. Auch die Kinder werden meist selbstständige, empathische und verantwortungsvolle Menschen. Es schwingt auch ein gewisser Stolz bei diesen Familien mit: „Wir kriegen das gut hin. Wir leben etwas Positives.“ – Und doch fehlt etwas!

Aber was fehlt? Es fehlt an einer vertrauensvollen Beziehung und Bindung zum Ehepartner und oft auch zu den Eltern und damit an innerer Sicherheit und Stabilität.  „Freiheit ist die Bindung, auf die man sich verlassen kann“, schreibt der Familientherapeut Steve Biddulph. In einer Alleinerzieherfamilie fehlt diese Bindung. Es fehlt ein Sicherheitsnetz, es ist niemand da, auf den man sich verlassen kann, der sich mitverantwortlich fühlt. Auch wenn viele Betroffene sagen: „Mir fehlt niemand, wir kennen kein Leben mit Vater“. Bei den einen besteht Kontakt zum anderen Elternteil, bei anderen reißt er irgendwann ab und andere liefern sich einen erbitterten Streit um das Sorgerecht. Er ist also doch da!

Diese Bindung ist das, was die Familienpolitik und die Gesellschaft nicht geben kann. Conrad meint „Die Verantwortung und Loyalität unserer Gesellschaft und Familienpolitik“ diesen Familien gegenüber sei defizitär. Der Staat kann die Eltern nicht ersetzen und die Elternrolle auch nicht erfüllen! Der verstärkte Trend zur Alleinerzieherfamilie offenbart eine Schwäche der Familienpolitik ganz anderer Art. Die Politik hat die ganze Aufmerksamkeit auf Individualrechte, die Unabhängigkeit und Förderung der Frau gelegt. Viele der „kleinsten Familien“ schaffen es auch die harte Realität des Alleinerzieherlebens äußerst kreativ zu gestalten. Was aber bleibt, ein blinder Fleck sozusagen, wird meist ausgeblendet.

Man setzt in der Familienpolitik auf die Verbesserung der äußeren Rahmenbedingungen und hat weitgehend vergessen, dass die entscheidenden Rahmenbedingungen für das Kind durch Vertrauen und die Beziehung der Eltern geschaffen wird. Und nun haben wir den Salat! Zwar mögen Alleinerziehende eine gute Beziehung zum Kind haben und dem Vater Besuche erlauben, aber das Vertrauen zum oft kurzzeitigen Lebenspartner und Vater des Kindes ist nachhaltig gestört!

Eine gesellschaftliche Anerkennung von geschwächten und zerrütteten Familienformen löst daher keine Probleme, sondern verschleiert sie nur. Worauf aber die Gesellschaft und Politik keine Antwort gibt ist, wie die Menschen von vornherein dauerhafte Vertrauensbeziehungen schaffen können, damit eine Trennung erst gar nicht notwendig wird. Es gibt keinen Ersatz für Eltern, Vater und Mutter! Wenn ein Teil fehlt, ist eine Familie defizitär – denn es fehlt Etwas!