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Frühkindlicher Stress hat Spätfolgen

Eine liebevolle Umgebung in den ersten Lebensjahren ist für die emotionale Entwicklung eines Menschen entscheidend. Dass frühkindliche Vernachlässigung oder gar Missbrauch auch langfristige körperliche Auswirkungen haben, zeigt eine aktuelle US-Studie.      

Demnach sind die Folgen solcher Ereignisse auch im Immunsystem von Jugendlichen erkennbar - selbst dann, wenn sie bereits früh adoptiert wurden und den Rest ihrer Kindheit in einer wohlbehüteten Umgebung verbracht haben.                        

Erfahrungen beeinflussen seelische Gesundheit                      

Zum Glück hat sich im Lauf der letzten hundert Jahre bei den Erziehungsvorgaben einiges geändert. Aufmerksam, liebevoll und behütend - so sollen Eltern sein, wollen sie keinen Schaden bei ihrem Nachwuchs anrichten. Leider sieht die Wirklichkeit auch in westlichen Industriestaaten oft noch ganz anders aus.

So werden laut den Angaben der Autoren der aktuellen Studie allein in den USA etwa 1,5 Millionen Kinder jährlich Opfer von Vernachlässigung. Hinzu kommt der Trend, Kinder aus Entwicklungsländern zu adoptieren, die nicht selten ihre ersten Lebensmonate unter schlimmsten Bedingungen verbracht haben. Für ihre neuen Eltern ist es eine schwere Aufgabe, diese frühen Defizite auszugleichen.

Bisher hat vor allem die Psychologie untersucht, dass und wie diese frühkindlichen Umstände bis ins Erwachsenenleben nachwirken können. Negative Erlebnisse können demnach vielfältige emotionale, soziale und kognitive Spätfolgen nach sich ziehen.                              

Auch Immunsystem leidet unter Umwelt                     

Erst jüngere Studien beschäftigen sich mit den körperlichen Auswirkungen der frühen Lebensumgebung. So weiß man mittlerweile, dass diese ersten Tage und Monate eine entscheidende Rolle für die Entwicklung des Immunsystems spielen.

Für die Wissenschaftler rund um Seth Pollak von der University of Wisconsin zeigen sich hier deutliche Parallelen zur Gehirnentwicklung. "Das Immunsystem ist zum Zeitpunkt der Geburt noch unbestimmt", so Chris Coe, Psychologe und Mitautor. "Die Zellen sind zwar da, aber wie sie sich entwickeln, hängt vor allem von den Umweltbedingungen in den ersten Lebensmonaten ab."                                

Antikörper zeigen Immunantwort   

Für ihre aktuelle Studie haben die Forscher die Immunreaktion von Jugendlichen auf den Herpes Simplex Virus Typ 1 (HSV-1) verglichen. Die Gruppe der Herpesviren sind generell sehr häufig und die meisten Menschen haben im Lauf ihres Lebens Kontakt. So tragen mehr als 60 Prozent der Erwachsenen das HSV-1 in sich.

Nach der Erstinfektion verbleibt das Virus quasi schlafend im Körper. Immer wieder führt das HSV-1 zu Fieberblasen, typischerweise bei Stress oder wenn das Immunsystem geschwächt ist. Wenn das Virus nicht unter Kontrolle ist, muss der Körper verstärkt dagegen ankämpfen und produziert daher mehr Antikörper. Laut den Forschern kann man auf diese Weise die Immunreaktion der Testpersonen ermitteln, gemessen wurde die Konzentration im Speichel.                             

Körperlicher Nachhall schlechter Erlebnisse                         

Die erste Gruppe von 41 Personen hatte zwar ihre ersten Monate im Heim verbracht, war aber spätestens mit 2,8 Jahren adoptiert worden und hatte den Rest ihrer Kindheit in einer behüteten Umgebung verbracht.

In der zweiten Testgruppe befanden sich 34 Personen. Diese waren als Kinder missbraucht worden, allerdings nach Interventionen der Behörden in ihren Familien geblieben. Die Kontrollgruppe bestand aus 80 demographisch vergleichbaren, aber "wohlbehüteten" Jugendlichen. Die Infektionsrate mit HSV-1 war in allen Gruppen etwa gleich hoch. Die Konzentration von Antikörpern wurde über einen Zeitraum von vier Schultagen und vier Tagen zu Hause gemessen.

Das Ergebnis: Alle Jugendlichen mit schlechten Kindheitserfahrungen hatten eine deutlich erhöhte Konzentration an HSV-1-Antikörpern. Erstaunlicherweise schnitt die erste Gruppe um nichts besser ab, auch wenn sie mittlerweile zum Teil mehr als zehn Jahren in einem besseren Umfeld verbracht hatte. Physisch reagieren diese Kinder immer noch, als stünden sie unter Stress.                                

Bedauerliches Ergebnis                         

 Laut den Forschern ist dieses Resultat zwar sehr bedauerlich, aber insgesamt wenig überraschend. Schon andere Studien hätten gezeigt, dass eine stressreiche frühkindliche Umgebung unter anderem zu Erkrankungen der Atemwege oder des Verdauungstrakts führen kann.

Wie schwer es ist, langfristige Folgen von schlechten frühkindlichen Erfahrungen wieder gut zu machen - und zwar auch auf körperlicher Ebene, sollte betreuenden Personen jedenfalls zu denken geben.

Quelle: [science.ORF.at, 27.1.09]

 

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