Wo ist all die Reife hin und warum haben so wenige bemerkt, dass sie fehlt?

16-Jan-2017, Neufeld-Leitartikel, von Gordon Neufeld

Wohin ich in unserer Gesellschaft auch blicke, bin ich erschlagen von einer deutlichen  Epidemie an Polarisierung, Stammesbildung, impulsivem Verhalten, Dogmatismus, Schwarz-Weiß-Denken, fehlender Berücksichtigung des Kontextes, Mangel an Geduld und Güte, fehlendem Weitblick, fehlender Anerkennung für die Komplexität der Dinge und fehlender Mitmenschlichkeit.

Kurz gesagt: Was fehlt, ist echte Reife. Ich meine nicht die körperliche Reife, sondern die seltenere seelische oder emotionale Reife. Alt zu werden ist keine Garantie dafür, erwachsen zu werden, und es scheint, dass wir heutzutage seltener erwachsen werden, sondern stattdessen in Unreife stecken bleiben. Der grundlegende Zustand  emotionaler Unreife ist unausgewogenes Erleben und unausgewogener Ausdruck. Die oben erwähnten Eigenschaften sind nur einige aus unendlich vielen Manifestierungen.

Was mir noch mehr auffällt ist, dass bereits das Konzept von Reife in unserer Gesellschaft verloren gegangen ist. Wie die Emotion – die schon vor mehr als 400 Jahren als Erklärungsmodell beiseitegeschoben wurde – scheint die Reife (und ihr Fehlen) insgesamt verschwunden zu sein als eine Möglichkeit, um Individuen und ihr Verhalten zu verstehen. Stattdessen schreiben wir die mit der Unreife verknüpften Eigenschaften der Persönlichkeit zu, der Typenlehre, der Ideologie, der Politik, dem sozialen Status, fehlenden Werten, zu wenig Lernen, Verrücktheit oder sogar diagnostizierbaren Störungen.

Das Problem mit der heutige überall präsenten Unreife ist, dass sie nicht als das erkannt ist, was sie wirklich ist. Wenn Unreife einmal zur Norm geworden ist, besonders in einer gleichaltrigen-orientierten  Gesellschaft, wird sie als Erklärungskonstrukt dafür, was falsch ist, unsichtbar. Die Symptome der Unreife  werden jetzt als normal angesehen, gelten als immer akzeptabler und werden sogar erwartet. Man könnte sagen, dass die enormen Ausmaße der unerkannten Unreife getarnt werden von ihrer Normalität. Wenn wir das Problem nicht als solches erkennen, wie wollen wir jemals wirksam damit umgehen?

Der amerikanische Poet und Aktivist Robert Bly läutete die Alarmglocke über das Fehlen der Reife in seinem Buch „Die kindliche Gesellschaft“ bereits 1996. Wenn Unreife schon vor 20 Jahren als Problem erkennbar war, ist sie heute eine Epidemie von tragischem Ausmaß geworden. Vor mehr als 10 Jahren habe ich in der Erstausgabe meines Buches Unsere Kinder brauchen uns  dieses Problem der vorherrschenden Gleichaltigenorientierung  in unserer Gesellschaft angelastet – Kinder können sich nicht gegenseitig beim Erwachsenwerden helfen. Ich denke, es ist kein Zufall, dass die Verschärfung der Gleichaltrigenorientierung zu den Manifestierungen der Unreife in unserer Gesellschaft parallel läuft.

Ich glaube nicht, dass wir die gegenwärtige Epidemie an Unreife fehlender Bildung zuschreiben können. Ich glaube sogar, dass das Gegenteil richtig ist: ein Mindestmaß an Reife ist erforderlich, damit Kinder von ihrer Beschulung profitieren können. Leider löscht nicht einmal ein Doktortitel von einer Eliteuniversität Unreife aus. Fehlende Reife kann auch nicht linker oder rechter Politik angelastet werden, nicht einmal der Art des politischen Systems. Es scheint allerdings, dass eine funktionierende Demokratie ein Mindestmaß an Reife, sowohl bei den Teilnehmern, als auch bei den Führenden, erfordert. Unreife kann nicht auf Armut, geistige Erkrankungen oder Verhaltensstörungen geschoben werden. Es gibt keine Tabletten, um Unreife zu heilen, es gibt keine Strafen, um das Problem zu korrigieren. Auch ein Berg an Geld kann Reife nicht kaufen. Auch reifes Verhalten bedeutet nicht, dass man reif ist.

Der Kernpunkt ist schlicht und einfach, dass die Verwirklichung des menschlichen Potenzials hauptsächlich in der Hand der Eltern liegt. Es ist immer so gewesen. Insofern ist unsere gegenwärtige Epidemie der  Unreife Heimarbeit (Entschuldigung für das Wortspiel). Es ist nicht, dass wir als Eltern nicht unser Bestes geben; ich denke, wir haben uns insgesamt nie mehr angestrengt. Aber wir können Kinder nicht wirksam großziehen, wenn diese nicht in der richtigen Beziehung zu uns stehen. Und wir können Kindern nicht helfen, erwachsen werden, indem wir uns mehr auf ihr Verhalten konzentrieren als auf die Bedingungen, die für echtes Wachstum und echte Reifwerdung förderlich sind.

Obwohl wir dafür verantwortlich sind, Kindern die Entwicklung ihres vollen Potenzials als Menschen zu ermöglichen, gilt auch die andere Wahrheit, dass wir Wachstum nicht erzwingen können, weder bei uns selbst noch bei unseren Kindern. Hier kommt die Natur ins Spiel. Aber die Natur kann es nicht alleine tun – genauso wie die Pflanzen in unserem Garten es nicht alleine tun können. Die Natur braucht uns, damit wir die Bedingungen zur Verfügung stellen, die den Reifwerdungsprozess nähren. Zusammen können wir dafür sorgen, dass es geschieht, aber es ist hilfreich, ein bisschen darüber zu wissen, wie die Natur die Dinge macht und was nötig ist, damit sie ihre Arbeit tun kann. Dies erinnert mich an Aristoteles’ Beobachtung, dass in allen Dingen der Natur etwas Wunderbares liegt. Mir scheint, wenn wir jemals etwas Wunderbares in unserer Welt gebraucht haben, dann ist jetzt die Zeit.

Leitartikel wurde  ins Deutsche übertragen von Dagmar Neubronner und mit Erlaubnis hier abgedruckt.

Den Originalartikel lesen Sie unter:  http://www.neufeldinstitute.de/single-post/2017/01/16/Wo-ist-all-die-Reife-hin-und-warum-haben-so-wenige-bemerkt-dass-sie-fehlt